jeder braucht seine Insel...
"Ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, und ein Kind zeugen." Diese drei Dinge sollte ein Mann in seinem Leben erleben. Im heutigen medialen Zeitalter würde das aber heissen: Eine Domain gründen, seine Latschen ins Netz stellen, und ein Buch herausgeben. (Originalzitat von buh).
Nun, wie es scheint habe ich einiges getan. Sinnvolles und manchmal auch sinnleeres. Man sollte nur bereuen, was man nicht gemacht hat.
Was ich aber auch noch wollte, war einen wunderbaren, verrückten Media-Raum. Eine Entertainment Lounge sollte aus dem ehemaligen Kinderzimmer entstehen..
Ich wollte mir selber noch einmal beweisen, dass ich es immer noch kann, so mit den Händen arbeiten und so. Nicht nur planen und dann die andern arbeiten lassen.
Kapitel 1

vom Kinder- zum Mediazimmer
Nachdem auch das letzte, meiner geliebten Kinder das Haus verlassen hatte, konnte ich mir mein Traum von einer «Entertainment-Lounge» erfüllen. Ich hatte tatsächlich einen Plan, um meine geheimen Handwerker- und Basteltriebe ausleben zu können. Nein, keine Angst, dieser Raum ist nicht dunkel in einem Keller.
Weitläufig herum bin ich bekannt als «Handwerker-King von Worb», ganz nach dem Vorbild von Tim Allen alias Tim Taylor aus «Hör mal wer da Hämmert»
Meine Vorstellungen für diesen Raum waren sehr konkret, es sollte im Kontrast zur modernen Technik, etwas Rustikales mit warmen, erdigen Tönen sein. Ein Stilmix zwischen einem englischen Pub, einem alten Landhaus und weiss der Teufel noch was allem werden. Alles ziemlich Stil-los. Aber! Ich hatte ein Konzept.
Kapitel 2

Der Plan
Nun, über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Was soll's, meine Ideen waren ziemlich fix in meinen Frontallappen eingebrannt und niemand konnte mich davon abhalten.
Also habe ich mich in Bewegung gesetzt machte mich auf die Suche nach den nötigen Materialien, Werkstoffen und Werkzeugen.
Onlineshopping war zu dieser Zeit nicht präsent.
Dieser Entscheid bereue ich nicht, habe aber die Idee einige Male verflucht. Das Projekt dauerte ungefähr 1-Jahr und war mit vielen schmerzhaften (körperliche Schmerzen) verbunden. Das Endergebnis und die lehrreiche Zeit halfen mir darüber hinwegzukommen.
Ich als Bürolist ziehe respektvoll den Hut vor jedem Handwerker!
Kapitel 3

Männer Shoppen nicht...
...sie kaufen Werkzeuge!
Für diesen Umbau benötigte es nicht so viele, aber ich habe mal die wichtigsten und nützlichsten Tools zusammengestellt, die man auch für andere Projekte gebrauchen kann. Es gibt doch nichts Schöneres, als sich neue Werkzeuge zu gönnen, oder? Man kann nie genug davon haben!
Normalerweise unterstütze ich bei Umbauten und Renovationen an unserer Eigentumswohnung gerne das lokale Gewerbe. Diesmal wollte ich aber alles oder zumindest das meiste selbst in die Hand nehmen und habe deshalb verschiedene Baumärkte und Baumaterialhändler aufgesucht.
In der Schweiz gab es noch nicht viele Baumärkte, deshalb habe ich meine Suche auch nach Süddeutschland ausgeweitet. Besonders das Material für den Ziegelstein-Look fand ich in der Schweiz nicht. Fündig wurde ich bei toom BauMarkt GmbH in Deutschland. Die Auswahl war zwar nicht riesig, aber ich habe passende, kleine Klinkersteine mit den Abmessungen 5 x 15 cm gefunden.
Nun musste ich nur noch den richtigen Mörtel, das Fugenmaterial und das nötige Werkzeug zusammenstellen. Da das Material nicht auf Lager war, durfte ich nach 14 Tagen nochmal nach Deutschland fahren.
Kapitel 4

Das Material - wer sucht, der findet!
Ich dachte, das Parkett wäre einfacher zu finden. Aber oh je, in den Migros oder Coop Baumärkten gab es nur so billige Massenware. Also habe ich mich im Fachhandel umgesehen und dort auch schnell das richtige Parkett gefunden. Leider ist es wie es ist. Das, was einem am besten gefällt, war leider auch schweineteuer und da ich das erste Mal Parkett verlegte, musste es ja nicht unbedingt das Teuerste sein. Also bin ich einen Kompromiss eingegangen und bin wieder in einen Baumarkt. Zufälligerweise eröffnete Hornbach zu dieser Zeit in Littau bei Luzern seinen ersten Baumarkt in der Schweiz.
Der Laden war gerammelt voll, als wäre die ganze Schweiz ein Volk von Bastlern und Heimwerkern. Hornbach hatte eine riesige Auswahl an Laminaten. Das meiste war zwar auch nur aus billiger Chinaproduktion, habe trotzdem ein tolles Laminat für mein Zimmer gefunden.
Kapitel 5

Das Handwerk...
...aus alt wird neu
Material und Werkzeug ist eingekauft. Das bedeutet raus aus dem Anzug und Krawatte und rein ins Übergewand. Jetzt wird in die Hände gespuckt.
Vorbereitung ist die halbe Arbeit. Zimmer ausräumen, den alte Teppich raus und Leimreste weg strippen, die alte Holztäfelung runter. Die Verkabelung für die Stromversorgung, Beleuchtung und für das Video-Audiosystem mit einem 5-1 Surround System vorbereiten.
Anschliessend die Hohlräume mit Panels aufgefüllt. Die wohl anstrengendste und komplizierteste Arbeit war das Anbringen (kleben) der Klinkersteine und dem «Fugen» der Zwischenräume. Bei dieser Arbeit gelangte ich das erste Mal an die Grenzen der Verzweiflung und verfluchte das ganze Projekt. Aufgeben war keine Option, nach dem Motto:
"Geht nicht, gibt’s nicht!"
Nach circa 7-8 Abende, meistens bis tief in die Nacht hinein, hatte ich es geschafft.
Das frisch geklebten und ausgefugten Wände einige Tagen austrocknen lassen und mir eine kleine Verschnaufpause gönnen.
Kapitel 6

Es nimmt Form an
das Laminat wartet zum Einbauen. Der alte Teppich ist weg, der Boden mit einer Schalltrittfolie ausgelegt.
Ich dachte «hei mann, easy» das sollte schwups gehen und kein Problem werden.
Es war auch kein Problem, nur hatte ich nicht berücksichtigt, dass ich nicht die herkömmlichen Panels im Format im 130 x 20cm gewählt hatte.
Nein, nein, nein, es musste selbstverständlich, nicht normal sein. Das heisst, ich habe Panels im Format 85 x 9 cm gewählt.
"Alles.nur nicht normal"
Benötigt jemand noch einen Taschenrechner. Also mindesten 3-mal mehr zuschneiden, kleben, einbauen und ausrichten und wie für Bodenleger üblich, alles auf den Knien. Das Resultat: Ein wunderbarer Boden und einen fürchterlichen Muskelkater. Hätte ich doch nur mehr Krafttraining gemacht.
Nach dem ich Wände und Boden eingebaut hatte, räumte ich das Büro provisorisch ein und machte vorerst mal einen Monat nichts mehr. Ich hatte die Schnauze voll!
Kapitel 7

Jetzt kommt Farbe ins Spiel...
Für die aufwändigen Malerarbeiter nahm ich meinen Sohn Oliver zur Brust. Als Malermeister mit jeweils kreativen Ideen und einem sehr hohen Qualitätsanspruch, war er die richtige Wahl. Er gab mir gute Tipps zur Vorbehandlung der Wände und Decken.
Selbstverständliche durfte auch das Farbdesign nicht nullachtfünfzehn sein. Ein gewöhnlicher Anstrich kam nicht in Frage. Die Decke und Wände erhielten als Grundlage einen glatten Abrieb. Eine kleine Stuckatur sollte der antiken Deckenlampe den nötigen Akzent setzen und die Decke wurde in einem dezenten weiss gerollt.
Die Wände wurden mittels Schwammtechnik in hellen, orangen Farbtönen gestaltet. Weil der erste Anstrich zu dunkel war, wollte Oli noch einmal nachbessern.
Das noch sichtbare Holzfachwerk sowie die Fenster habe ich in Eigenregie mit Mahagoni Tönen lasiert.
Kapitel 8

Vernetzt...
Eine besondere Herausforderung war die Verlegung der unzähligen Kabel für die 5.1 Soundanlage, Fernseher, HiFi Geräte, EDV, Beleuchtung und Stromversorgung. Sollten doch alle Geräte untereinander sicher und störungsfrei kommunizieren und funktionieren. Ich versichere euch es waren nicht wenige. Es war unglaublich, was da auf irgend eine Weise unsichtbar verlegt werden musste.
Die Kabel in die Wand verlegen? Aus bautechnischen Gründen nicht möglich. Also musste eine Aufputz Variante her. Herkömmliche Plastikkanäle oder Rohre kamen aus ästhetischen Gründen nicht in Frage.
Also, die rechte Hirnhälfte in Gang setzen und Ideen suchen.
Anlässlich einer Reise nach Österreich, wir haben uns in einem alten, sehr gepflegten Jugendstil Hotel ein z'Vieri gegönnt. Da hatte ich die Erleuchtung. An den Wänden entlang waren Kupferrohre verlegt, vermutlich nicht für Kabel. Aber das war genau die Lösung für meine Lounge. Diese Rohre passten genau zum Stil des Zimmers.
Beim Sanitär Gloor in Worb fand ich die passenden Kupferrohre mit den passenden Rohrschellen.
Nur, nebenbei, durch das knapp 2 cm Röhrchen (3/4") mussten nicht weniger als 7 Kabel durchgeführt werden. 2x Koax, 3x Lautsprecher, 1x Strom und 1 optisches Kabel. Für die spätere Erweiterung auf HDMI, musste ich auf Grund der grossen HDMI-Stecker sowie des ca. 1 cm dicken Kabels ein weiteres 1 1/2" Rohr einbauen.
Einfach der Hammer!
Eine weitere Anforderung waren die Fussleisten. Etwas herkömmliches aus dem Baumarkt kam auch da nicht in Frage, also sofort zu Mile, dem Schreinermeister meines Vertrauens der Werkstatt L235. Vor Ort hat er sich ein Bild von allem gemacht und mir eine schmale Leiste aus Hartholz, farblich perfekt zum Interieur passte, empfohlen.
Kapitel 9

Endspurt...
...da ich noch einen Job hatte, dauerte der Umbau ca. 7 Monate.
Sukzessive habe ich passende Accessoires wie Möbel, Rollos, Lampen, Bilder etc. angeschafft. Für die Einrichtung gingen auch schon mal wieder 2-3 Jahre ins Land.
Einige Möbel oder Accessoires lies ich nach meinen Ideen und Plänen vom Schreiner Mile oder dem Beleuchtungsspezialisten Ruedi Steiner anfertigen. Die Faltvorhänge von der Raumwerkstatt Worb, die antiken Lampen kaufte ich über Ricardo.
Kapitel 10

Das Ende
Leiden und Freude - Fazit
Es war zeitweise sehr anstrengend und auch mühsam während Monaten in einer Baustelle zu leben.
Im Handkehrum eine wunderbare Erfahrung und eine Genugtuung ein fertiges Ergebnis zu sehen
Konzepte und Pläne zu schmieden. Mit den Händen zu arbeiten und die eigenen Ideen umzusetzen zu können.
Mit jeder Bauetappe sah ich die Fortschritte und ich durfte erkennen: He Mann, das habe ich selbst gemacht und ich geniesse jeden Moment in diesem Raum.
Worb im Sommer 2011 - by Rönu